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Eltern auf Zeit - sichere Bindung bei Pflegekindern

Wir vom Pflegekinder-Team sehen es als unser Ziel, dass Pflegekinder sichere Bindung entwickeln. Dies soll hier verkürzt und laienverständlich erklärt werden.

Bindung - kurze Einführung

Unser Ziel leitet sich ab von der sogenannten Bindungstheorie, der "Leittheorie" der Pflegekinderhilfe und familientherapeutischen Arbeit. Sie ist seit 1958 von Kinderpsychiater John Bowlby und Psychoanalytiker James Robertson aus Großbritannien wie der nordamerikanischen Psychologin Mary Ainsworth entwickelt worden und wird bis heute weiter verfeinert und wissenschaftlich belegt.

Bindung bedeutet hier, dass ein Kind eine enge Beziehung zu seiner Mutter oder seinem Vater oder anderen ihn umsorgenden Personen aufbaut. Der Typ Bindung wird im ersten Lebensjahr aufgebaut und erweist sich dann als stabil für enge Beziehungen mit anderen Menschen im weiteren Leben.

Es gibt dabei die sichere Bindung und die unsichere Bindung. Die Art kann teils in einem Standard-Test eruiert werden (sog. "Fremde Situation", bei Kindern im Alter von 12-18 Monaten). Dabei wird in einem Raum beobachtet, wie sich das Kind bei der Trennung von einer engen Bezugsperson verhält, bis diese wieder zurückkehrt. Kinder mit sicherer Bindung können auf Nähe und Trennung von der Bezugsperson angemessen reagieren: Bei Trennung sind sie zwar traurig, aber gehen davon aus: "Sie kommt zurück". Kinder mit unsicherer Bindung reagieren auf den Stress der Trennung anders. Sie wirken zum Beispiel unbeteiligt und ignorieren die rückkehrende Bezugsperson (unsicher-vermeidende Bindung). Oder sie verhalten sich widersprüchlich zwischen anklammernd und abweisend (unsicher-ambivalente Bindung). Es gibt noch weiteres Verhalten wie Erstarren oder auf halben Weg zur Bezugsperson Umkehren oder das Suchen der Nähe von beliebigen anderen Personen. All dies wird als unsicher-desorganisierte Bindung bezeichnet.

Wichtig zu wissen ist nun, dass der Typ Bindung eines Kindes stark von den Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen geprägt wird. Führen diese zu einem unsicheren Bindungstyp, ist es sehr wahrscheinlich, dass spätere Bindungen an neue Bezugspersonen ebenfalls unsicher werden, auch wenn diese eigentlich gewährleisten könnten, ein "sicherer Hafen" zu sein.

Sichere Bindung ist Garant für Selbstvertrauen, Beziehungsfähigkeit und Psychische Gesundheit im späteren Leben. Eine sichere Bindung erhöht die innere Fähigkeit, im Leben mit Belastungen umzugehen, eine unsichere Bindung erniedrigt sie.

"Eltern auf Zeit" und sichere Bindung

Wir haben erfahren, dass die meisten Kinder, die aus ihren Herkunftsfamilien genommen werden müssen, unsichere Bindung zeigen oder gar Bindungsstörungen aufweisen. Das muss nicht nur an schwierigen Eltern liegen. Auch tragische Erlebnisse wie häufige Beziehungsabbrüche oder soziale Umstände wie Armut, Arbeitslosigkeit, Migration sind Gründe dafür.

"Eltern auf Zeit", die den Kindern ein zweites Zuhause bieten, werden dabei von uns begleitet. Sie sind für uns die ersten Menschen, bei denen die Kinder neue, sichere Bindungserfahrungen machen. Das sogenannte "innere Arbeitsmodell von Bindung" des Kindes kann sich so verändern, und sich von früherem, gestörten Bindungsverhalten verabschieden, und ein sicheres Bindungsverhalten entwickeln. Oft werden auch TherapeutInnen einbezogen.

Wir sehen im Vergleich zum Aufwachsen in einem Heim, dass "Eltern auf Zeit" diese mehrjährigen Erfahrungen als ständige und auf wenige Kinder konzentrierte Begleitung garantieren können.

Sie ermöglichen sie, ohne dass viele andere Kinder kommen und gehen, was oft mit weiteren Abbrüchen enger Beziehungen für das Kind verbunden wäre.

So hat Nowacki 2006 in einer Dissertation in Deutschland bei ehemaligen Pflegekindern 40% sicheren Bindungstyp im Vergleich zu 10% bei ehemaligen Heimkindern festgestellt.

Literatur:
* Deutsches Jugendinstitut (DJI) e.V. (2011): Handbuch Pflegekinderhilfe
* Brisch, Hellbrügge (2009): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft : Prävention, Begleitung, Beratung und Psychotherapie
* Brisch (2009): Bindungsstörungen : von der Bindungstheorie zur Therapie
* Nowacki (2007): Aufwachsen in Pflegefamilie oder Heim
* Wiemann (2009): Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben: Informationen und Hilfen für Familien